Es gibt Orte im südlichen Bahnhofsviertel, da wird nicht lange gefragt. Da darf man einfach erst mal ankommen. Sich hinsetzen. Durchatmen. Vielleicht einen Kaffee trinken. Vielleicht auch zum ersten Mal wieder jemanden treffen, der einen sieht. Einer dieser Orte liegt in der Landwehrstraße 43. Von außen ist der Drogennotdienst L43 unscheinbar. Drinnen wird leise Großes geleistet. Seit über dreißig Jahren leitet Regina Radke die Einrichtung des Vereins Prop e. V. mit Herz, Haltung und dem tiefen Wissen darum, wie wichtig es ist, Menschen nicht aufzugeben.

Was das L43 besonders macht, ist der radikal niederschwellige Zugang. Niemand muss „vorher etwas auf die Reihe kriegen“, um hier Hilfe zu bekommen. Kein Termin, kein Papier, keine Rechtfertigung. Stattdessen: offene Türen, Gespräche auf Augenhöhe, konkrete Unterstützung – vom Ausweisantrag über Krisenintervention bis zur Vermittlung in Substitution oder Therapie. Es geht um Vertrauen, um kleine Schritte und um das Recht auf Würde. Denn wie Radke sagt: „Man muss sich Menschenwürde nicht erst durch angepasstes Verhalten verdienen.“

Entstanden ist das L43 aus einer Lücke im Hilfesystem: Menschen, die schwer suchtkrank waren, fielen durch jedes Raster. Also schuf Prop e. V. 1993 zunächst eine Notschlafstelle und erkannte schnell, dass mehr gebraucht wird: Akzeptanz, Kontinuität, Beratung, Begleitung. Seit 1997 ist das L43 deshalb rund um die Uhr erreichbar. Das ist bis heute einzigartig in München.

Was für Außenstehende wie ein schwieriger Ort wirkt, ist für viele Klient:innen ein rettender Anker. Es sind Geschichten von kleinen Erfolgen: Ein Mensch reduziert seinen Konsum, achtet wieder auf Hygiene, nimmt wieder Kontakt auf. Und manchmal sind es auch große Geschichten: Von Klient:innen, die irgendwann als Sozialarbeiter:innen zurückkehren.

„Jeder, der überlebt, ist ein Erfolg“, sagt Radke. Und meint das nicht pathetisch, sondern realistisch. Denn das L43 hilft Menschen dort, wo sie gerade stehen, nicht da, wo sie sein sollten.

 

Drei Fragen an Regina Radke
1. Wo machst du im Viertel gerne Pause?
Wenn ich rausgehe, dann am liebsten in einen der kleinen Läden in der Nähe. Dort kennt man sich.
2. Was wünschst du dir fürs Bahnhofsviertel?
Mehr Verständnis. Mehr echten Dialog. Und dass die Menschen hinter die Schlagzeilen schauen.
3. Ein Satz, den du hier gerne hörst?
Es ist gut, dass es Eure Einrichtung im südlichen Bahnhofsviertel gibt. – Und Leider: werden wir und vor allem unsere Klient:innen immer häufiger für alle Probleme im Bahnhofsviertel verantwortlich gemacht.